Erster elektrischer Hyper-Car – Zehn Jahre zu früh?

Vor Zehn Jahren, im Juli 2010, war die automobile Welt noch eine andere. Elektroautos waren noch langsam und langweilig. Das Model S kam erst 2 Jahre später, vom Roadster fuhren erst ein paar wenige Stück auf öffentlichen Strassen.

In dieser, für die Elektromobilität schwierigen Zeit, hatte Mercedes-AMG den Mut, das Aussergewöhnliche zu wagen und die Grenzen des technisch Machbaren zu erweitern. Resultat war der SLS AMG E-CELL, das weltweit erste rein elektrische Hyper-Car. Die Beschleunigung und die Reichweite waren für die damalige Zeit beeindruckend, würden heute aber keinen mehr vom Hocker reissen. Die Technologie hat sich weiterentwickelt.

Der Kern des SLS E-CELL ist sein innovatives Antriebskonzept. Erstmals wurde bei einem solchen Projekt auf ein Torque Vectoring gesetzt. Dabei wird pro Rad ein Elektromotor verbaut. Die einzelnen Antriebe sind mechanisch nicht verbunden, weshalb das Drehmoment an jedem Rad einzeln geregelt werden kann. Das mechanische Differenzial entfällt, das Getriebe wird auf eine fixe Übersetzung reduziert. Die Differenzialfunktion wird vollumfänglich von der Fahrzeug-Software übernommen. Zusätzlich kann die ESP Funktion so nicht nur das Drehmoment am Rad über einen Bremseingriff reduzieren, sondern über die Rekuperation stufenlos, feinfühlig und ideal einstellen. Der besondere Vorteil liegt darin, dass das ESP nun nicht nur gezielt Drehmoment reduzieren kann, es kann das Drehmoment an einzelnen Rädern auch erhöhen.

„Der SLS AMG E-CELL ist der technisch fortschrittlichste Supersportwagen in der 125-jährigen Geschichte des Automobils und zeigt, wie faszinierend Elektromobilität sein kann“

Dieter Zetsche zur Präsentation des AMG SLS E-Cell 2011

Viel technisches Geschwätz, aber was bringt das denn? Was dieses Konzept für das Fahrverhalten bedeutet, konnte bis jetzt nur eine begrenzte Anzahl Menschen erfahren. Diese sind sich jedoch einig: Bei einem Supersportwagen führt in Zukunft kein Weg am Torque Vectoring vorbei. Eindrücklich sind die Reaktionen von erfahrenen Test- und Rennfahrern, wie zum Beispiel Walter Röhrl:

„Do lecks mi oam Oa… Alda!“

„Also keine Frage: das sind einfach vollkommen neue Dimensionen, die ich in 45 Jahren nit hab kenneng’lernt. Sehr schön. Kann nur sagen, dass man des moal erleben durfte. Ha, super.“

„Aber die Möglichkeit dadurch, dass man die 4 Räder mit eigenen Motoren ansteuern kann, das verbessert das Handling – das ist unvorstellbar – sowas hoab i no net erlebt.“

Walter Röhrl zur Fahrt mit dem AMG SLS E-Cell

Trotz der vielen Vorteile und der Überlegenheit gegenüber allen anderen Fahrzeugen, die zu diesem Zeitpunkt am Markt verfügbar waren, hat Mercedes den AMG SLS E-CELL nach der Produktion von nur wenigen Stück wieder eingestampft. Was zu dieser Entscheidung geführt hat kann von aussen nur gemutmasst werden. Vielleicht waren die Produktionskosten zu hoch, oder die Nachfrage für diesen Typ Fahrzeug war zu dem Zeitpunkt noch nicht da.

Die etablierten Hersteller scheinen die Elektromobilität verschlafen zu haben. Die technologische Führerschaft haben andere übernommen. Mate Rimac hat rasch erkannt, was der SLS besser kann, als andere Fahrzeuge und hat das Antriebskonzept für seine Fahrzeuge übernommen. Im Jahr 2019 waren am Autosalon Genf mehrere Fahrzeughersteller mit Supercars präsent, bei denen unter dem Chassis Rimac-Technik mit Torque Vectoring verbaut war. Auch der neue SUV-Hersteller Rivian setzt auf die Technik, die sich beim SLS E-CELL bewährt hat. Die Vorteile im Offroad-Bereich liegen auf der Hand. Durch die individuelle Regelung jedes Rades innert Millisekunden kann der Schlupf an jedem Rad nach Wunsch eingestellt werden. Nicht nur bei Hypercars, auch bei den Offroadern wird sich Torque Vectoring in Zukunft als überlegen erweisen.